Soeren Hellwege - Interview mit Alexander Goretzki
Alexander, warum verwendest Du - auch dieses Jahr wieder -
einen „Gruß an den Heiligen Michael“ als Titelbild?
Weil ich im Laufe der vergangenen Tage, im schnellen Abklingen des Spätsommers und Herannahen des traditionellen Michaelstages am 29. September die Kraft und Bedeutung dieses Geistwesens in zunehmendem Maße realisiert habe, mich von ihr erfassen liess.
Was heisst „Geistwesen“?
Ist so etwas nicht sehr subjektiv und eher dem Reich der Imagination zuzuordnen?
Die Verwendung des Begriffs „Geistwesen“ ist nur ein Versuch, das Nichterfassbare zu benennen.
„Engel“, „Leitlinie“, „Maxime“, „Vision“ wären andere Vokabeln, jede von ihnen bringt nur einen Teil des Spektrums zum Ausdruck. Subjektivität ist nichts, was mich von vornherein an der Wirklichkeit von einer Sache, eines Wesens, eines Tatbestands zweifeln lässt. Eher im Gegenteil: in der Subjektivität wird die Welt erst wirklich, im eigentlichen Sinne - erst auf dieser Ebene beginnen die Kräfte zu wirken. Für das „Reich der Imagination“ gilt das gleiche.
Warum grüßt Du den Erzengel in portugiesischer Sprache?
Weil ich die Relevanz dieses Erzengels erstmalig in Brasilien und im Erleben brasilianischer Kulturen kennengelernt habe. Entscheidenden Anteil haben Gesänge aus Traditionen, in denen die Welt als ein ganzer, vollständiger Komplex aus materiellen und geistigen Aspekten erscheint. Auch die Naturkräfte, die Naturwesen haben hier ihren Platz, in dieser riesigen Sphäre, die sich zwischen Vater Himmel und Mutter Erde - der geistigen und der stoffflichen Dimension - ausbreitet. Es ist eine Sphäre des Aufnehmens und Abgebens. Ein Raum des Atmens: Eine Atmosphäre.
Was genau bedeutet der Erzengel Michael für Dich?
Zunächst einmal Kraft und Wehrhaftigkeit in genau der Zeit des Jahres, in der uns die Wärme des Sommers allmählich verlässt, die Pflanzen ihr Laub und ihre Farbigkeit verlieren und wir auf uns selbst gestellt zurückbleiben. St. Michael lässt mich meine Eigenverantwortung sehen. Er hilft mir, mich von falschen oder überflüssigen Dingen oder Anschauungen zu trennen.
Ich bin froh, neben anderen Jahresfesten diesen vierten, unbewusstesten Moment im Jahreslauf in meinem Bewusstsein verankert zu haben. Mittwinter-Weihnachten und Mittsommer-Johannisfest als die eine Achse war mir früher geläufig, aber ich habe erst spät kapiert, wie wichtig es ist, dass auch dem Fest Ostern-Ostara etwas gegenübersteht: St. Michael. Erst so ist das Jahr „rund“, erst so kann auch Weihnachten-Julfest einen Sinn haben. Andernfalls bleibt es eine unerträgliche Kitsch- und Konsumorgie…
Aber braucht es dafür einen Erzengel?
Genügt da nicht der gesunde Menschenverstand?
Ich habe erlebt, dass gerade der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ nicht immer der beste Ratgeber ist. Er ist wichtig, lebenswichtig für jeden Menschen und vor allem jede Gesellschaft, aber es gibt Probleme, Aufgaben- und Fragestellungen, bei denen der gesunde Menschenverstand wenig hilft.
Hast Du nicht das Gefühl, etwas von Deiner Autonomie,
Deiner Eigenverantwortung abzugeben im Anbeten eines Erzengels?
Im Gegenteil! Der Erzengel ruft genau diese essenziellen Aspekte meines Daseins wach. Es ist ein Irrtum der Atheisten, anzunehmen, dass Engel, Götter, Religionen das Leben einfacher, bequemer machen, dass wir auf diesen Wegen Verantwortung abgeben könnten. Im Gegenteil: Die Verantwortlichkeit steigt, je aufrichtiger, ernsthafter und bescheidener wir diesen Weg gehen.
Ich bleibe dabei: Braucht es dafür ein Engelswesen?
Es ist ja in mir. Michael ist in mir. Und im Weltall zugleich. Dieses Paradox ist der Ursprung jeglicher spirituellen Motivation, die sich von der Ratio unabhängig zu bewegen vermag. Also, nochmal zu Deiner Frage: Ich rufe den Michael in mir wach. Die Haltung der Eigenverantwortung, des Bereinigens von liegen- oder hängengebliebenen Aspekten in meinem Leben - natürlich kann ich mir das auch vornehmen. Der Engel mit „seiner Zeit“ im Jahr ermöglicht mir, in einen Rhythmus der Kräfte einzutreten. Aus dem eher statischen Zustand vernunftgenerierter Erkenntnisse und Handlungsmaximen wird ein Tanz, ein Zusammenspiel zwischen mir und dem Kosmos. Der Rhythmus macht's. Der Ryhtmus ist das Leben.
