Montag, 15. Juni 2015

findelkind geist fahrzeug welt

Ich bin ein Findelkind. Bin ich ein Waise? Es liegt an mir, den Mut aufzubringen, meinem wahren Vater gegenüberzutreten. Das ist natürlich eine Metapher. Ich habe einen leiblichen Vater und eine leibliche Mutter und ich verneige mich vor dem Schicksal derer, die das von sich nicht sagen können. Doch auf diesem Feld des eigentlichen Seins scheint mir keine bildliche Sphäre so schlüssig wie die der Abstammung. Kein Metaphernwald tönt so fruchtbar wie der des Wachsens und Erwachsens.

Wovon soll denn mein Geist abstammen, wenn nicht vom großen, vom ganzen, vom - the whole is the holy - Heiligen Geist? Wovon soll denn mein Leib abstammen, wenn nicht vom großen Leib der Schöpfung, Mutter Erde?

Seltsamerweise scheint mir das Letztere, die Abstammung meiner Physis, zwar auch unheimlich, doch selbstverständlicher. Grundsätzlich ist es offenbar einfacher, der Mutter gegenüberzutreten, als dem Vater. Wer als Jugendlicher ohne Führerschein heimlich den Wagen der Eltern zu Schrott gefahren hat, weiss wahrscheinlich, wovon ich spreche. Es ist ein Schuldgeständnis, das Ungemütlichkeit verursacht. Und doch mag das Unheimliche der Mütter den Zorn der Väter überwiegen.*

Ich habe bis heute keinen Führerschein und ich habe bis heute keinen Wagen zu Schrott gefahren. Doch die Annahme einer wie auch immer gearteten Schuld macht es mir leichter, mir die Größe meiner kosmischen Eltern vorzustellen, sie erlebbar zu machen. Das ist seltsam und traurig. Es scheint meine Veranlagung zu sein, und ich ahne und spüre, wie der dunkle Kreis der Priester sich diese Veranlagung zunutze machen möchte.

Vater Himmel und Mutter Erde haben kein Automobil auf vier Rädern, das wir unerlaubt entwenden könnten. Sie haben ein Raumschiff, für das es keinen Führerschein gibt und das trotzdem von einem  Kreis von Menschen gesteuert wird. Werden diese Menschen oder werden wir alle gemeinsam - und das heisst: werde ich - es schaffen, das Raumschiff Erde (Buckminster Fuller) vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren? Luzifer lauert, Ahriman reibt sich die Hände und Satan legt schonmal Holz nach. Eine heisse Angelegenheit.



*
Mephistopheles
Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis.
Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
Die Mütter sind es! –

Faust
Mütter! –

Mephistopheles
Schaudert's dich?

Faust
Die Mütter! Mütter! – 's klingt so wunderlich!

Mephistopheles
Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.

aus: GOETHE: FAUST - der Tragödie zweiter Teil

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