Donnerstag, 26. November 2020

Para-Post

Gastbeitrag von Alexander Goretzki


Liebe Netzwerkpartner, liebe Noch- und Neu-Kontakte…*

 
Jedesmal, wenn ich einen Post zum Thema Corona in meiner Facebook-Chronik hinterlassen habe und meinen Worten - je nach Wagnis der Aussage - einige Minuten oder mehrere Stunden Schützenhilfe geleistet habe (martialische Metaphern sind ja zunehmend en vogie), denke ich: „So nun langt’s aber auch wirklich. Mein nächster Beitrag geht definitiv um die nahende Adventszeit, eine kommende Weltrevolution für die Natur, feinstoffliche Aspekte der Musik oder ein bisschen Dadaismus.“ Und - zack! - geht’s schon wieder los.

Woran mag das nur liegen? Die Argumente scheinen erschöpft, viele wollen einander wirklich nicht mehr zuhören.Menschen, die unter den hierzulande in Aussicht stehenden Bedingungen nicht mehr in Deutschland leben wollen, erwägen, das Land zu verlassen oder haben es bereits getan. Andere bauen in Ruhe und ohne sich durch ermüdende Dispute zu verzetteln an einem starken morphogenetischen Feld für Einsicht, Recht und Ruhe. Wieder andere, offenbar sind es sogar die meisten, haben den Paradigmenwechsel in den vergangenen Monaten vollzogen und soweit alles verinnerlicht, was ihnen Regierung und Ordnungskräfte aufgetragen haben. Es liessen sich noch zahlreiche weitere Facetten möglicher Verhaltensweisen beschreiben...
 
Und doch spüre ich immer wieder dieses ungewiss-gewisse innere Flackern... und genährt von dem Wunsch, den einen oder die andere doch noch zum Fragenstellen oder Nachdenken zu bewegen oder einen meines Erachtens bislang unzureichend beleuchteten Aspekt ins Licht zu rücken, lege ich los und feile wieder meine Sätze zurecht. Eine Perspektive, die uns helfen könnte, noch einmal mit frischem Sinn und Abstand auf diese Zeit zu schauen, wäre m.E. der Blick nach Afrika, doch das wird ein eigener Post im Laufe des heutigen Tages oder morgen, dies ist eher ein Metapost - über das Posten.
Unterm Strich erscheint mir dieses ein bisschen wie früher, Basteln am Sonntagnachmittag, Keksebacken, Drachensteigenlassen und so gesehen auch eine Art Spätherbst- oder Vorweihnachtsbeschäftigung, je nach momentaner weltanschaulicher Ausrichtung. 
 
Sehr vieles halte ich zurück, was ich in meiner Trauer und Wut für einige Zeit glaubte, so knallhart wie möglich zum Ausdruck bringen zu müssen - bis ich fühlte, dass diese heftigen Emotionen ihren Ursprung in meiner eigenen Geschichte haben und der meiner Familie und hier nicht hergehören - sie haben sich vielmehr als unerfreulicher Garant für Ablehnung und / oder Nichtverstandenwerden erwiesen.
Allerdings bin ich der Ansicht, dass wir den im körperlichen gegründeten Enervierungen, feinen Seelenempfindungen, inneren Verwerfungen, äusseren Extravaganzen, Kapriolen und einem gewissen Aus-dem-Ruderlaufen mehr Aufmerksamkeit und ruhige Betrachtung widmen dürfen.
Bei Menschen, die Corona-Maßnahmen und die tagtäglich postulierte Gefährlichkeit des Virus für übertrieben halten, tauchen diese Auffälligkeiten, glaube ich, häufiger auf, vorhanden sind sie aber auch bei braven Bundesbürger*innen und treuen Gefolgsleuten der Regierung. 
 
Dass gerade jetzt der Nationalsozialismus das Thema ist, an dem sich die Aggressionen entzünden und die gegenseitigen Anwürfe entladen, halte ich für keinen Zufall sondern eher für eine Art logischen Höhepunkt des Zankes, denn hier scheint mir ein wirklich großes und noch lange nicht durchleuchtetes, geschweige denn abgearbeitetes, geheiltes Reservoir für tiefverankerstes seelisches Unwohlsein zu liegen.
Das, was zur Zeit etwas modisch als Trauma bezeichnet wird, diese tiefen im Körpergedächtnis eingegrabenen Wunden und Verletzungen, die direkt an Parasympathikus und instinktives Handeln angeschlossen scheinen, reicht zuweilen sicherlich auch weiter zurück in fernere Epochen, zuweilen mag es sich auch in Verletzungen innerhalb der eigenen Biographie ausdrücken aber in der dunklen Zeit des Nazi-Regimes scheint doch ein kollektiver Brennpunkt des Schmerzes zu liegen, weshalb ich glaube, dass Menschen in Deutschland gut daran täten, dort genauer hinzusehen, nicht von vornherein an den Narben der anderen herumzukratzen, in ihren Wunden zu stochern, die Nervosität des Kollektivs unnötig zu reizen und herauszufordern. Wenn es stimmt, dass in jeder Krise eine Chance steckt, dann sehe ich letztere genau hierin, aber damit umzugehen erfordert Anständigkeit, tiefes Aus- und Einatmen, viel Empathie und den expliziten Wunsch, das eigene Gegenüber verstehen und einander helfen zu wollen.
 
Mich erstaunt oft meine eigene gute Laune, das innere Gefühl von Agilität und Kommunikationsbereitschaft. Vielleicht ist sie zuweilen induziert durch eine sozusagen homöopathisch dosierte Rückatmung an CO2.
Bei mir wie auch bei Menschen, denen ich begegne - dem Crobag-Verkäufer am Bahnhof, der zufällig im Zug getroffenen Workshopteilnehmerin, einer launigen Fahrkartenkontrolleurin - stelle ich oft die Bereitschaft, hin und wieder sogar eine Lust am wachen Austausch fest, die sich gar nicht sehr von normaleren Zeiten unterscheidet, nur vielleicht mit etwas mehr Verve, Stimm-Modulation und Augenaufschlag vollzogen wird, aus dem beiderseitigen Einverständnis, mit einer Extraportion Seelenkraft - meines Wissens bislang noch nicht als infektiös eingestuft - die Barriere vor Gebiss und Nüstern für diesen Moment zu überwinden und ein gemeinsames Wiehern zuzulassen, das geeignet ist, mich und die Person mir gegenüber m Großen und Ganzen der Zugehörigkeit zur gleichen Herde zu versichern.
 
Meine innere Devise lautet nach wie vor: Über die Sorge, oder, in scharfgeschalteten Alarmzustand, die Angst der Menschen kann ich nicht hinweggehen. Ich wünsche mir sehnlichst, dass die Ängste sich lösen, bei immer mehr Menschen - aber ich kann es nicht forcieren, ich darf es nicht erzwingen. Auch ich trage Sorgen in mir, die sich zuweilen zu Ängsten steigern und erwarte, dass ihnen in gleicher Weise Achtung gezollt wird, auch wenn ich mir bewusst bin, dass es an mir liegt, ob ich an ihnen leide, verzweilfe - oder wachse und reife.
Ich sage das, ohne jene in Misskredit ziehen zu wollen, für die das Tragen einer Maske seelisch unerträglich oder gesundheitlich nicht machbar ist - ihnen gehört mein Verständnis und meine Solidarität und ich erkläre mich bereit, sie gegen jedwege Anwürfe zu verteidigen, wenn ich mich sicher fühlen darf, dass sie nicht anders können. Ich selber habe das Glück, dass ich es offenbar vertrage oder dass mein System jene CO2-Rückatmung als eine hauchdünne aber inspirierende Bewusstseinserweiterung zu interpretieren gelernt haben mag, soweit ich sehe, ohne besondere Zutun meinerseits.
 
Dieser Alltagsoptimismus verdankt sich auch der inneren Gewissheit, dass eine neue Zeit bevorsteht, vielleicht auch zwei neue Zeiten, vielleicht, dass das eine sich vom anderen löst und entzerrt…. In diesem Moment erscheint mir das Spektrum möglicher Szenarien für das Individuum - z.B. mich - wie für die gesamte Gesellschaft schier unermesslich.
Mit dieser vagen Vision eines Aufbruchs in eine andere Zeit, eine neue Epoche, möchte ich schliessen, bewusst offen, ohne das letztgesagte weiter in irgendeine Richtung festzunageln.
 
novo mundo, novo povo, nova era e um novo professor, wie es ein weiser Brasilianer evoziert hat: Neue Welt, neues Volk, neues Zeitalter - und ein neuer Lehrer.
 
 
__________
 
*Übrigens gehöre ich zu den Facebookbenutzern, die nie jemanden löschen. Oder wirklich fast nie. Zu groß ist die Chance, sich mit wirklich entschieden Andersdenkenden und -fühlenden zu begegnen, die mir entgehen würde, wenn mein Sinn für Fragwürdigkeit und Unerträglichkeit unmittelbar an die Pflege meiner Kontaktliste gekoppelt wäre.

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