Samstag, 5. Oktober 2019

Kind, lüfte mal!

Sou wüddas nix mim Klimaschutz:
Nicht, solange Menschen, Völker, Kulturen, Weltanschauungen so tief zerstritten sind.
Ganz kurz mal hineingerufen: 

Wir sind alle Kinder dieser Erde. Und damit sind wir Geschwister.


Aber beinhaltet diese Sichtweise wirklich schon den entscheidende Rettungsimpuls, der in Richtung Harmonisierung der Konflikte und Bereiten des Bodens für die gemeinsame Errettung der Welt weist?
Was bedeutet dieser Titel, diese Verwandtschaftverhältnis, diese so nahe und doch so problematische und Verspannungen preisgegebene Kategorie von Beziehung: Geschwister?
Ist sie wirklich Paradigma, Best Practice, Idealfall für eine harmonisches Miteinandersein, wie sie sich Mutter Erde - und Vater Himmel - unter ihren Kindern nur wünschen kann?
Was ist mit dem Altersunterschied? Hat nicht auch ein älteres Geschwister dem jüngeren zuweilen Vorschriften zu machen? Sind nicht Greta Thunberg und die mit ihr in den Kampf Ziehenden die älteren Seelen, die den kindlichen unreifen Verfechtern unseres grauenhaften Weltgefüges Vorschriften machen müssen
Was ist mit Neid und Eifersucht untereinander? Petzen? Anbiedern? Muttersöhnchen spielen? Schwarzes Schaf sein? Gibt es all dies tatsächlich auch unter den gemeinsamen Kindern der großen Welteltern? Also unter den Individuen, Gemeinden, Staaten, Völkern, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen?
Hilft es, die Weltkonflikte als Ausdruck einer schwierigen kosmischen Systemik zu betrachten, in der zwei Eltenteile auf ihre gemeinsame Kinderschar hinabblicken? Gaia und Kosmos, Frau Erde und Herr Himmel - huch, sie sind ja nichtmal verheiratet?! Oder haben nur beide ihre Namen behalten, weil keiner aufgegeben werden durfte? 
Ist vielleicht ihre Zusammenfassung in die Idee „Gott“ das Problem - der Fehler? Vielleicht ist Gott ein Beamter, ein Betreuer oder Vormund - jemand, der von Bösewichten eingesetzt wurde, um die Kinder ihre wahre Abstammung vergessen zu machen?
(zugegebenermaßen kein schöner, eher ernüchternder Gedanke, dem ich in einem beinahe zeitgleich kleinen Kurzessay mit dem Titel Jugendschutzbeauftragter weiter nachgehe.)

Nun. Unser Zwischenruf zu Beginn dieses Textes bedarf einer kleinen Ergänzung:

Wir sind alle Kinder dieser Erde. Und damit sind wir Geschwister. 

Ob wir wollen oder nicht.

Die aufgeworfenen Fragen scheinen schwer zu beackern, zu kantig und verkrustet der Boden, den wir mit ihren Klingen durchpflügen… Aber es scheint wichtig, diesen Acker zu bestellen. Denn diese Fragen können uns sensibilisieren für die Voraussetzungen, die einer Rettung der Erde zugrundeliegen müssten.
Der Systemwechsel, die Überwindung des Kapitalismus, der das Böse als Idee in sich trägt, ist mit Sicherheit auch eine Voraussetzung. Doch weshalb ging dieser politische Kampf so oft mit Wut und Aggression einher? Gibt es feinere und zugleich relevantere, mächtigere Aspekte unserer Beziehungen?

Falls das so sein sollte, dürfen wir annehmen, dass sie wollen realisiert werden wollen, im doppelten Sinn: wahrgenommen und verwirklicht. Ohne sie werden wir keine Grundlagen schaffen können, und schon gar keine gemeinsamen…

Womöglich ist das archaische Signet der Kinder und Eltern, mit dem in vielen Kulturen das Verhältnis der Menschen zu den größeren Mächten erzählt und evoziert wird, zu einer zu engen Metapher geworden. Vielleicht ist mit dem Verhältnis zwischen Sproß und Erzeuger etwas Allgemeineres gemeint: Das gemeinsame Ausrichten auf Etwas, eine Wesenheit, indem gemeinsam die Liebe zu diesem Etwas, dieser Wesenheit entdeckt und entwickelt wird.

Äh - herübergebrochen ins Familiensystemische eine ziemliche Katastrophe, oder?
Zum Beispiel: Die bloße gemeinsame liebende Ausrichtung zweier Eltern auf ihr Kind kann doch eine Lebensgemeinschaft nicht retten, bewirkt womöglich sogar schlechteres für Eltern und Kind als es ein Zusammenbruch, ein Ende der Beziehung täte….

Immerhin, in unserem Fall geht es nicht um die Liebe, die den Nachkommen zuteil wird, sondern auf die, die den Vorfahren entgegengebracht wird. (zuteilwerden, entgegenbringen - alle die Vokabeln sind in diesem Zusammenhang noch gründlich zu untersuchen.) Jedenfalls ist auch diese Perspektive, die von den Kindern zu den Eltern, bekanntlich keine unproblematische. 
Doch scheint hier ein größeres Potenzial zu liegen.
Denn dieses Lieben erfordert wahrscheinlich viel mehr Mut und Herzöffnung als das Lieben der eigenen Kinder. Eine ganz andere Dimension von Durchlässigkeit könnte hier erforderlich werden. Meinen eigenen Eltern nichts vorzuwerfen, meinen Großeltern ihre Fehler nicht nachzutragen - das mag eine gute Übung sein, und noch wichtiger vielleicht: Trotz alledem, meine Vorfahren zu lieben.

Soeren Hellwege: Wie kann ich denken? Bleistift / Buntstift 2019

Denn in Mutter Erde zurück sinken unsere Ahnen und mit ihnen ihr Bewusstsein. Und: „Sie weinen - vor Trauer, wenn ihre Nachkommen zerstritten sind und vor Freude, wenn sie in Liebe vereint sind.“

Das Entwickeln, Kennenlernen und Praktizieren all dieser Betrachtungswinkel steht hoch oben auf der Prioritätenliste, die wir uns mit unserem inneren Bleistift ins Bewusstsein gekritzelt haben. Und trotzdem fügen wir hinterher noch TOP 0 hinzu, ganz oben, an der Zettelkante, notfalls mit Kugelschreiber:

Erde lieben.
Welt lieben.
Meer lieben.
Wiesen lieben.
Berge lieben.
Pflanzen lieben.
Himmel lieben.
Sonne lieben.
Menschen lieben.
Klang lieben.
Duft lieben.

Aber wirklich: LIEBEN! und:

Vater Himmel lieben.
Mutter Erde lieben.

Hey! Sie sind doch keine Pflegefälle, die wir zu selten im Heim besucht haben und um die wir uns nun wohl oder übel kümmern müssen, weil sonst alles zusammenbricht. Oder - vielleicht dachten einige von uns, wir hätten sie selber ins Heim gebracht… weil sie uns irgendwie lästig geworden sind… oder weil wir die Verantwortung nicht mehr übernehmen wollten…


* * *


So oder so:
Sie gehören zu uns nach Hause, in unser Leben, unsere Herzen.
Wir umarmen sie. Wir inhalieren sie.

Wer in diesem Bewusstsein einmal eine Birke umarmt hat oder eine Buche, wer einmal auf einer nächtlichen Wiese liegend direkt den Duft der Erde eingeatmet hat (zu viele atmen ihn erst ein, wenn sie unter Erde sind!), dem wird es vermutlich leichter fallen, auf Cafe-to-go im Plastikbecher, Inlandsflüge und unbegrenztes Tempo auf der Autobahn zu verzichten.

Denn es ist kein Verzicht.
Es ist eine Liebeserklärung.
Es ist eine Liebestat.
Es ist Liebe.

Zur allgemeinen Beruhigung in Anbetracht der Evokation einer solch inflationär wabernden Masse an Liebe:  Es gibt keinen Liebesmuskel, der ausleiert. Auch nicht bei so viel Liebesübung. Der Muskel ist unser Innerstes. Das Herz. Und dies müssen wir weit öffnen.   
DAS ist ein Muss, es ist das Muss - alles andere Müssen, das sich nicht aus diesem speist, kann in einem Atemzug, einem Wimperschlag verkommen zu Dogma, Aggression, Übergriff.
Nicht vergessen, Leute: Wir müssen unser Herz öffnen und lieben.
Denn unsere Mutter schaut zur Tür herein und ruft uns im Weggehen zu:

Kind, nu lüfte doch endlich mal!

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