Erst kürzlich habe ich herausgefunden, dass Mutter Erde und Vater Himmel gar nicht verheiratet sind. Offenbar wäre es ihnen nie in den Sinn gekommen, ihren Kindern solch eine bürokratisierte und beamtenhafte Lebensgemeinschaft - eigentlich: Seinsgemeinschaft - vorzuleben.
Genauso offensichtlich sind die Menschen, mit denen ich auf der Erde bin, meine Geschwister.
Im Zuge der Zusammenwachsung der Welt, die in Ermangelung einer zugrundeliegenden Vision Globalisierung genannt wird, stutze ich hin und wieder - soviele Menschen aus sovielen Kontinenten sovielen fernen Sprachen und Stämmen - und alle sollen meine Geschwister sein?
Nun gibt es Geschwister - und ich gebe zu, es sind oftmals die, denen ich eigentlich recht nahe bin - die sagen:
Ich aber erwidere, erschrocken durch die Respektlosigkeit unserer Mutter gegenüber:
„Ihr irrt, liebe Geschwister, und zwar dreifach! Zum einen geziemt es nicht, unserer Mutter Promiskuität vorzuwerfen, wo wir doch ohnehin nichts wissen können! Wer kennt denn unseren Vater? Und wer will die anderen kennen? Zum anderen - wenn sie wirklich verschiedene Erzeuger gewählt haben sollte - Brahma, Jehovah, Allah, Manitou und wie sie alle heissen mögen, dann geziemt es uns nicht, darüber aus unserer engstirnigen Sicht zu urteilen. Diese Mutter ist ewig, ihr läuft keine biologische Uhr ab. Eher hat es zuweilen den Anschein, als sei sie angezählt und ihr letztes Stündchen habe geschlagen. Doch solange sie lebt wird sie ihre Geburtskraft nicht einbüßen, da seid Euch sicher! Zum dritten: ist es vielleicht doch - wer weiss - ein und derselbe Vater, der sich in die verschiedensten heiligen Namen verwandelt hat. Aus Abenteuerlust? Aus Spaß an der Verwirrung? Aus irgendeiner Berechnung? Alle die Kinder, die zu uns kommen, sind unsere Gechwister, Ihr Lieben, zweifelt nicht! Lasst uns unsere Eltern lieben und verehren, wie sie’s mit den ihren tun. Vermutlich, nein: Höchstwahrscheinlich überschneidet sich die Adressatenschaft auf der Seite der Mutter, denn aus dieser Planetin scheinen wir doch nun wirklich alle hervorgekrochen zu sein - wie’s mit dem Vater steht, wissen wir derweil nicht. Wenn wir uns aber von unseren Vätern gegenseitig erzählen, an einem großen Feuer im Kreis sitzend, vielleicht singend, ohne Eile, irgendwo, in einem besseren Land… dann kann es nur sein Gutes haben. Geschwister oder Halbgeschwister: seisdrum! genießen wir mit ihnen gemeinsam den Reichtum unserer Existenz!“
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